Die Bestimmung in den Alltag holen

Es gibt zunehmend mehr Blogs, Erfahrungsberichte, Youtube-Videos oder Bücher über Menschen, die für einige Monate oder Jahre in China lebten, um dort das „wahre“, authentische Tai Chi – oder Kampfkünste generell – zu lernen. Die Ausbildung und das Leben in China sind sehr hart, mit unseren westlichen Standards ist das kaum zu vergleichen. Warum zieht es dennoch so viele Menschen nach Wudang, Dengfeng, Foshan, usw.? Warum zieht es mich immer wieder dorthin?

Ich habe noch nie längere Zeit in China gelebt – dazu bin ich beruflich und familiär zu gebunden – aber meine Trainingsreisen sind mir in unvergesslicher Erinnerung.

Täglich um halb 5 Uhr früh aufzustehen und sofort präsent zu sein, fällt anfangs schwer. Man gewöhnt sich allerdings schnell daran. Der Tag besteht aus trainieren, essen und schlafen – Wasser beschaffen und Wäsche waschen. Man ist fast ständig im Tun und wenig im Denken. Die Trainingseinheiten ermüden und doch bringt diese Müdigkeit eine angenehme Ruhe mit sich. Man muss sich nicht fragen, wie lange man trainieren wird, der Tagesablauf ist streng vorgegeben. Man muss nicht an die nächsten Tai Chi Schritte und an die ganze Form denken, man übt genau diesen Schritt, diese Schritte wieder und wieder und wieder – man hat den ganzen Tag Zeit.

Alles geht in den Körper über. Zuerst leitet man den Körper an und bringt ihm die Bewegungen bei, dann, wenn die Bewegung in den Körper übergegangen ist, führt und leitet der Körper. Auch die Konzentration verändert sich, wirkt dort, wo ein Wechsel zwischen Spannung und Anspannung nötig ist, wo die Kraft und wo das Zentrum ist. Irgendwann spürt man, dass der Körper, dass man selbst im Raum ist: hier! Dieses Gefühl hält oft nur wenige Momente an, dann sucht man es erneut. In vielen anderen Momenten spürt man – außer Muskelkater – nichts. Der Wunsch nach Entwicklung, nach Ruhe und Gelassenheit, nach Sicherheit und Stärke treibt an und motiviert.

In China fragte ich einen älteren Mönch, wie er es schaffen würde, jeden Tag nach denselben strengen Regeln zu leben. Er antwortete mir, er schafft es, weil er sich genau diese Frage nicht stellt! „Ich tue es einfach, weil es so ist und weil ich mich einmal dafür entschieden habe.“ Da habe ich begriffen, warum es „einfach“ tun heißt. Sich keinen inneren Widerständen auszusetzen, sich nicht mit Fragen herumzuquälen oder sich vor falsche Wahlmöglichkeiten zu stellen. All das braucht unnötige Energie, die nirgendwo hinführt.

Wieder in Wien angekommen fragte ich mich, wie ich diese China-Erfahrung bewahren und auch zu Hause umsetzen kann. Es ist nicht leicht, wenn der Alltag dazwischen funkt. Im Grunde genommen muss man das Training nur zu seinem Alltag machen bzw. in seinen Alltag einbauen. Das Denken dieser Absicht übergeben, Ruhe zulassen – und einfach weitermachen.

Advertisements