Die Fülle der Langsamkeit

Tai Chi muss – von außen betrachtet – nicht spektakulär aussehen, um einen tiefen Effekt zu erzielen. Tatsächlich ist es so, dass durch das reduzierte und gleichmäßige Tempo der Bewegungen innerlich viele komplexe Prozesse ablaufen.

Aufmerksamkeit und Konzentration

Je langsamer die Bewegungen ausgeführt werden, umso mehr Informationen werden vom Gehirn bewusst verarbeitet. Es ist die Erklärung dafür, warum Tai Chi Anfänger die Bewegungen oft schneller ausführen oder das langsame Tempo nicht gleichmäßig halten können. Es erfordert viel Ausdauer, Aufmerksamkeit und Konzentration, und diese Fertigkeiten werden wiederum durch das Tai Chi geübt und damit verbessert.

Informationsverarbeitung

Da unser Informationsverarbeitungssystem in seiner Kapazität sehr limitiert ist, braucht es die Aufmerksamkeit, die auswählt, welche Reize wir zur Verarbeitung zulassen und was wir uns damit ins Bewusstsein holen – andernfalls würden wir an einer permanenten Reizüberflutung leiden, wenn alle Informationen aus der inneren und äußeren Umgebung ungefiltert von uns aufgenommen werden müssten – und es braucht die Konzentration, um die Aufmerksamkeit auf etwas bestimmtes zu richten, beispielsweise auf eine Bewegungsausführung oder auf einen bestimmten Körperteil.

Bewusstsein

Alles andere ist dabei möglichst ausgeblendet. Man ist also voll und ganz bei der Sache. Spirituell gesehen gleicht das wahrscheinlich dem Gefühl von „in der Welt sein“, oder „das Hier und Jetzt erleben“.

Zusammenspiel von Geist und Körper

Tai Chi bietet also Techniken an, das Zusammenspiel von Geist und Körper zu üben. Dabei stärkt es beide Elemente gleichermaßen und doch auf ihre je eigene Weise – der Geist wird geklärt, indem er sich ganz auf den Körper einlässt und sich darüber selbst vergessen kann, der Körper wird stabilisiert, indem er das in ihm vorhandene Wissen aufruft und ausführt. Der Atem reguliert beide Teile und verbindet sie zu Einem.

Energiefluss

Die Bewegungen im Tai Chi sind so gestaltet, dass sie sich natürlich entfalten können, sich positiv auf die Öffnung der Energiebahnen, die Blutzirkulation und das Herz-Kreislaufsystem auswirken. Aber auch die auf einen Körperteil gerichtete Aufmerksamkeit fördert die Durchblutung, und ein Energieausgleich vollzieht sich. Das bedeutet, dass blockierte, gestaute oder überflüssige Energie abfließen oder sich entladen kann und dass bei einem Energiemangel im betreffenden Körperteil eine Aufladung bzw. Energiezunahme erfolgen kann. Wir fühlen uns dann lebendig und spüren eine Verbindung zwischen unserem Bewusstsein und unserem Körper. Je langsamer man die Bewegung ausführt – und der Bewegungsablauf sich damit aus vielen kleinen Teilkomponenten zusammensetzt -, umso mehr Aufmerksamkeit ist nötig, umso mehr kommt es zum Bewusstsein, umso mehr wird die Durchblutung angeregt, usw.

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