Mein erster Kampf mit den 1.000 Wiederholungen

www.Wudang.wien

Nach einem Jahr Kung Fu Training wollte ich mir meinen Traum erfüllen, einmal den Shaolin Tempel in China zu besuchen. Ich meldete mich für ein dreiwöchiges Trainingscamp an. Im Nachhinein finde ich das naiv und fast todesmutig, aber es war definitiv sehr lehrreich, vor allem auf der Ebene der Selbsterkenntnis.

Ich konnte zu diesem Zeitpunkt erst eine Anfängerform und eine zweite etwa bis zur Hälfte. In den ersten Trainingsmonaten war ich hauptsächlich damit beschäftigt, meine Kraft aufzubauen und meine Flexibilität und Dehnung zu verbessern – beides war ursprünglich miserabel!

Körperliche und psychische Herausforderungen

In den drei Wochen in China sollten wir nun eine komplette fortgeschrittene Form erlernen und am Ende als Gruppe in einer Abschlusspräsentation vorführen. Wir gaben alle unser Bestes und kämpften uns im wahrsten Sinne des Wortes von Tag zu Tag. Unser chinesischer Meister Shi Yan Tong war sehr streng und konnte genau das kaum glauben: dass wir nämlich unser Bestes gaben – er war ein völlig anderes Niveau gewöhnt. Wir haben zwar bald als Gruppe und auch mit dem Meister zusammengefunden, aber die immer gleichen Bewegungen sechs Stunden täglich wurden neben der körperlichen auch zunehmend zur psychischen Herausforderung.

Einsicht

Die Abschlussvorführung ist schließlich halbwegs geglückt – zumindest für die meisten. Aber es beschlich uns bereits hier der Gedanke, dass wir die Form noch lange nicht verinnerlicht hatten und wir uns bemühen mussten, um das Gelernte überhaupt längerfristig bewahren und mit nach Hause nehmen zu können. Ein Schüler fragte den Meister, wie lange ein Shaolin-Mönch bräuchte, um eine solche Form zu erlernen. Alle haben gespannt inne gehalten und sich darauf gefasst gemacht zu hören: ein paar Tage oder gar nur ein paar Stunden. Aber er antwortete: Manche Meister üben vier bis fünf Jahre an einer Form.

Geduld üben

Dieser Satz bringt mich bis heute zu vielen Überlegungen. Er war auch der erste Grundstein, der meine Geduld nährte und mich auf den Weg zu Tai Chi führte. Ich hatte eine Ahnung davon, wohin ich wollte, was ich in den Kampfkünsten suchte. Trotzdem hat es zwei Jahre gedauert, bis ich die für mich richtige Schule gefunden habe und mich schließlich im Wudang Tai Chi angekommen fühlte.

Veränderungen

Heute erlebe ich es nicht mehr so, dass ich ein und dieselben Abläufe tausende Male üben muss – im Gegenteil – ich empfinde sie immer anders oder neu. Alles hängt mit meiner inneren Einstellung zusammen, mit meiner Tagesverfassung, meiner Konzentration und Aufmerksamkeit, meinem Empfinden und meiner aktuellen Interpretation.

An welches Ziel bringt es mich, eine Form in drei oder vier Wochen zu lernen? Es ist natürlich möglich, technisch – soweit man fortgeschritten ist, – aber diese Zeit ist zu kurz, um tatsächlich längerfristig im Körper und im Geist etwas zu verändern. Die Bewegungen im Tai Chi sind so natürlich und funktionieren eigentlich automatisch, aber erst dann, wenn man sie einmal verstanden hat und auch der Körper sie kennen gelernt hat.

Entwicklung braucht Zeit

In Europa wurde der Fokus lange Zeit auf die geistige Entwicklung gelegt und das Körperbewusstsein trat so eher in den Hintergrund. Wir müssen heute vieles erst wieder neu lernen. In jeder Gruppe gibt es Schüler oder Schülerinnen, denen es zu langsam vorwärts geht, die sich bereit fühlen längst viel mehr zu lernen und weitere neue Schritte üben wollen. Sich Bewegungsabläufe schlicht zu merken oder sie zu verinnerlichen und mit der Atmung in Einklang zu bringen – darin besteht ein großer Unterschied.

Advertisements